„Wir sollten ein bisschen positiver denken“

Veröffentlicht am 25.06.2015 in Presseecho

Die Böblingerin Jasmina Hostert-Sijercic ist neue Kreisvorsitzende der SPD – 32-Jährige kam als Bürgerkriegsflüchtling nach Deutschland

von Dirk Hamann (Kreiszeitung)

Die Böblingerin Jasmina Hostert-Sijercic ist am Samstag zur neuen Kreisvorsitzenden der SPD gewählt worden. Ihre neue Aufgabe geht die 32-Jährige mit viel Schwung und Optimismus an. Das Leben hat sie gelehrt, den Blick möglichst immer positiv gestimmt nach vorne zu richten.

 Eine Politikwissenschaftlerin, Anfang 30, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Landtagsabgeordneten Florian Wahl arbeitet, ist nun neue Kreisvorsitzende der SPD. Das riecht nach geradliniger Karriereplanung. Doch Jasmina Hostert-Sijercic passt nicht in eine solche Schublade. Ihr Lebenslauf zeigt ein anderes Bild.

1982 kommt Jasmina Hostert-Sijercic in Sarajewo zur Welt. In einer Stadt, in der die Einwohner der Ausrichtung der Winterolympiade 1984 entgegenfiebern, verlebt sie zunächst eine glückliche Kindheit. „Meine Eltern hatten sich zwar früh getrennt, aufgewachsen bin ich bei meinem Vater – und der Großfamilie drumherum. So wie das in Bosnien eben so ist“, erzählt sie. „Es ging uns gut.“ Keine Anstalten, die Stadt zu verlassen macht die Familie deshalb, als es zu Beginn der 1990er Jahre erste Anzeichen für unruhige Zeiten gibt. „Mein Vater glaubte immer daran, dass sich die Lage wieder beruhigen würde“, so Jasmina Hostert-Sijercic. „Dass die Unruhe zum hässlichen Bürgerkrieg ausarten würde, damit hat keiner gerechnet.“ Im Frühjahr 1992 ist Sarajevo von serbischen Panzern eingekesselt. Ein Wegziehen ist für dieFamilie nun so einfach nicht mehr möglich.

Jasmina Hostert-Sijercic erlebt den Krieg in Sarajewo ein Jahr lang mit. „Die Stadt wurde bei Tag und bei Nacht willkürlich beschossen, dazu mussten wir auf Scharfschützen aufpassen, die wahllos auch auf Frauen und uns Kinder zielten“, berichtet sie von schrecklichen Bildern, die ihr nach wie vor sehr präsent sind. Sie spricht von Granaten, die durch die Luft pfeifen, vom Herbst 1992, in dem es keinen Strom und kein fließend Wasser mehr gibt, dafür humanitäre Hilfe in Form von Nudeln und Mehl. Und immer wieder fällt in ihren Erzählungen das Wort „Angst“.

Im Oktober 1992, so erinnert sich die 32-Jährige, landen Granaten im Hof ihres Elternhauses. „Wir waren draußen, um zu spielen, ein großer Splitter hat mich am Arm getroffen“, sagt sie. „Ich hatte Glück, dass ich überlebt habe. Ich habe  unheimlich viel Blut verloren.“ Schnell wird sie im Auto ins Krankenhaus gebracht – eine gefährliche Fahrt an den Scharfschützen vorbei. Im überfüllten Hospital wird ihrrechter Arm amputiert, ihr Leben unter notdürftigsten Umständen gerettet. Mehrere Operationen folgen, ihr Bett steht oftmals im Gang,inmitten von vielen anderen schwer verletzten Menschen. „Dass ich keinen rechten Arm mehr hatte, war Anfangs ein Schock. Er war einfach nicht mehr da, obwohl ich ihn noch spürte – ich spüre ihn ja heute noch“, bekennt sie. „Ich habe diesen Umstand aber schnell akzeptiert. Ich habe mich deshalb noch nie eingeschränkt gefühlt.“ Nein, ein Mensch, der sich ein Leben lang selbst bedauert, wollte sie nicht sein. Sie beschließt, positiv nach vorne schauen. Und hat sich an diesen Vorsatz bis heute gehalten.

Im Frühjahr 1993 entzündet sich die Wunde am Arm. Ein deutsches Ärzteteam von Cap Anamur rät dringend zur Behandlung und warnt vor einer weiteren Amputation. Allerdings: Im Flugzeug, das Verletzte aus der umlagerten Stadt evakuiert, gibt es keinen Platz mehr. „Das war der Zeitpunkt, an dem mein Vater beschloss, dass wir flüchten müssen“, so Jasmina Hostert-Sijercic. Mit Hilfe von Schleusern, die gegen Bares eine Flucht organisieren, bricht sie nachts im Schutz der Dunkelheit zusammen mit ihrem Vater und anderen Menschen auf, um aus Sarajevo zu entkommen. „Wir sind beschossen worden, auf dem Boden gekrochen, haben immer gehofft, dass es irgendwie gut ausgeht“, erzählt Jasmina Hostert-Sijercic. „Am nächsten Morgen, nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt, waren wir in Sicherheit. Da war kein Krieg, dort war alles friedlich, ganz normaler Alltag.“ Über Kroatien und Slowenien geht die Flucht weiter mit dem Zug nach Deutschland. Endstation ist in Bonn, aufgenommen werden ihr Vater und sie von einer Frau namens Maria Hostert. Eine Stätte, die sich zu einem neuen Zuhause für die Flüchtlinge entwickelt. Mehr noch: „Wir hatten bald eine echte Mutter-Tochter-Beziehung“, sagt Jasmina Hostert-Sijercic, die später von Maria Hostert sogar adoptiert wird.

Nach einer weiteren Operation kommt Jasmina Hostert-Sijercic in die vierte Klasse einer deutschen Grundschule, eine Empfehlung rät ihr, danach eine Haupt- oder höchstens Realschule zu besuchen. Doch Maria Hostert stellt sich auf die Hinterbeine, sucht für ihre neu hinzugewonnene Tochter ein Gymnasium mit Sprachförderkurs. „Reden war kein Problem, nur mit der Rechtschreibung habe ich mich schwer getan“, sagt die 32-Jährige mit einem Augenzwinkern. Die fünfte Klasse meistert sie mit viel Fleißarbeit trotzdem. Noch sind damals allerdings die Behördengänge. Jahrelang droht die Abschiebung, ständig muss sie belegen, dass sie ein traumatisierter Flüchtling ist und deshalb in Deutschland bleiben darf. Erst nach zehn Jahren erhält sie eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Ihr schulischer Werdegang führt sie in der elften Klasse im Rahmen eines Austauschprogramms für ein Jahr an ein Internat nach England, wo sie schließlich verlängert und ihr Abitur ablegt. Nach ihrer Rückkehr studiert sie Politik, Geschichte und Kunstgeschichte, Deutschland war längst ihre Heimat geworden. „Vom System her und vom Wohlfühlen passt das schon so“, stellt sie klar. „In Bosnien bin ich gerne für ein paar Wochen Urlaub, zuhause bin ich hier.“

Mit ihrem Mann, mit dem sie inzwischen in Trennung lebt, zieht sie nach Beendigung des Studiums nach Böblingen, heuert schon vorab bei der örtlichen SPD an. „Ich bin seit 2009 Mitglied in der Partei, war schwanger und hatte Zeit und Lust, mich hier einzubringen und einzuleben“, berichtet die neue Kreisvorsitzende. Nach Geburt ihrer Tochter Ella übernimmt sie in Elternzeit einen Mini-Job in der 2012 neu eröffneten SPD-Geschäftsstelle in Böblingen, seit Ende 2012 arbeitet sie als Mitarbeiterin für den Landtagsabgeordneten Florian Wahl. Ehrenamtlich engagiert ist sie in Böblingen zunächst bei den Jusos, dann kandidiert sie, nachdem sie die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt, bei der Gemeinderatswahl 2014. Dass sie dabei nicht genügend Stimmen für ein Mandat erhält, nimmt sie sportlich: „Mich haben wohl zu wenige gekannt, beim nächsten Mal probiere ich es eben wieder.“

Gewählt wird die 32-Jährige dafür nun zur neuen Kreisvorsitzenden ihrer Partei – mit 95,4 Prozent der Delegierten-Stimmen. Ein Amt, in das sie sich bereits mit voller Leidenschaft gestürzt hat. Sie möchte für frischen Wind sorgen, den Teamgeist stärken, die Öffentlichkeitsarbeit ausbauen. „Wir sollten alle ein bisschen positiver denken“, fordert sie nicht nur ihre Genossen auf und hofft, dass diese das Potenzial, das die SPD biete, besser ausschöpfen. Sie selbst könne und wolle als gutes Beispiel vorangehen. „Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Gleichstellung von Frauen oder die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund sind Themen, für die die SPD unter anderem steht – und mit denen ich mich ja auch persönlich ganz gut auskenne.“

 
 
 

 

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